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the very hungry Babsi

unregistriert

1

Montag, 10. November 2008, 10:58

Mal angenommen....

... jemand aus eurem nächsten Bekanntenkreis hätte die schwere Krankheit 'Alzheimer' diagnostiziert bekommen- seit längerer Zeit schon. Ihr würdet fast täglich mit diesem Menschen zusammensein und bemerken, dass er sich charakterlich extrem verändert. Er wird richtig aggressiv, droht seinen nächsten Mitmenschen, vergisst natürlich alles und ist im nächsten Moment schwer depressiv, weil ihm bewusst wird, dass er so viel vergisst und seit 4 Jahren nicht mehr arbeiten gehen kann. Wie würdet ihr mit diesem Menschen umgehen? Hättet ihr Angst vor ihm? Würdet ihr ihn noch lieben, auch wenn er nicht mehr der 'Alte' ist? Wie würdet ihr reagieren, wenn er euch nahezu täglich die Frage stellt, wann man denn das Abitur geschafft hat, auch wenn man schon lange eine Ausbildung macht? Mich beschäftigen diese Fragen natürlich sehr, sonst hätte ich sie nicht gestellt. Antworten auf diese Fragen habe ich teilweise, aber ich glaube, ich brauche Anwtorten von Menschen, die der Sache ziemlich neutral gegenüber stehen. Kann man wirklich jemanden lieben, der sehr agressiv ist und zum Teil mit erhobener Hand vor einem steht, auch wenn er niemals zuschlagen würde. Angst ist hier wohl berechtigt, aber muss man wirklich vor einem 'Bekannten' Angst haben?

Viele Grüße, Babsi

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »the very hungry Babsi« (10. November 2008, 11:00)


2

Montag, 10. November 2008, 11:44

Hallo Babsi

Das ist eine sehr schwierige Situation. :(

Ich könnte ehrlich gesagt niemanden lieben/mögen, der des öfteren mit erhobener Hand vor mir steht. Auch, wenn nichts passiert, aber schon allein die Aggressivität und dass er eben seine Hand im Affekt hebt, finde ich respektlos. Würde es nur ein einziges Mal passieren, könnte man verzeihen. Aber wenn es immer wieder passiert, hätte ich damit ein großes Problem.

Zum anderen ist dieser Mensch aufgrund der Krankheit vermutlich nicht mehr er selbst und sich gar nicht bewusst, was er da eigentlich tut. Vermutlich tut es ihm später sogar leid, dass er so gehandelt hat. Bis es halt wieder passiert ...

Zum einen muss man natürlich die Krankheit und die damit verbundene Einschränkung sehen und etwas nachsichtiger sein. Andererseits stelle ich mir das auch sehr schwer vor.

Wenn man immerzu dasselbe gefragt wird, kann ich mir gut vorstellen, dass Dich das nervt. Das geht mir schon bei gesunden Menschen so, dass ich mich ärgere, wenn ich immer und immer wieder die gleiche Frage gestellt bekomme. Weil ich dann halt einfach denke: Hörst du mir nicht zu, hat es dich nicht interessiert beim letzten Mal ... oder kannst du dir einfach nichts merken? Aber auch in diesem Fall hängt es ja wieder mit der Krankheit zusammen.

Alles in allem denke ich, wird es ein langer Prozess werden. Einerseits will man den Menschen auch nicht vor den Kopf stoßen und sagen, nur, weil er die Krankheit hat und sich somit verändert hat, will man nichts mehr mit ihm zu tun haben. Aber andererseits fällt es sicherlich schwer, weil man eben den Menschen mit einem anderen Charakter gewohnt ist und ihn so lieben gelernt hat. Somit denke ich, dass sich das nach und nach von selbst irgendwie auflöst, sich diese Liebe/Freundschaft langsam voneinander entfernt.

Viele Grüße
Manuela

the very hungry Babsi

unregistriert

3

Montag, 10. November 2008, 12:55

Zitat

Original von Sheridane
Zum anderen ist dieser Mensch aufgrund der Krankheit vermutlich nicht mehr er selbst und sich gar nicht bewusst, was er da eigentlich tut. Vermutlich tut es ihm später sogar leid, dass er so gehandelt hat. Bis es halt wieder passiert ...

Jup, er ist in diesem Moment nicht er selber. Er hat dann einen Aussetzer und es tut ihm hinterher ziemlich leid. Da verkriecht er sich dann in seinem Zimmer, weint und kommt den ganzen Tag nicht mehr heraus. Diese Krankheit gilt als unberechenbar und das ist sie wirklich, weswegen ich - zugeben- auch Angst habe. Doch kann man ihm böse sein, wenn man genau weiß, dass seine Krankheit schuld daran ist? Eigentlich kann er ja nichts dafür...

Zitat

Wenn man immerzu dasselbe gefragt wird, kann ich mir gut vorstellen, dass Dich das nervt.

Es geht so, man gewöhnt sich daran. Solange er uns alle noch erkennt, bin ich glücklich und verzeihe ihm auch, dass er andauernd nachfragt. Dennoch trifft es mich, dass er immer wieder vergisst, was ich beruflich mache.

Zitat

Somit denke ich, dass sich das nach und nach von selbst irgendwie auflöst, sich diese Liebe/Freundschaft langsam voneinander entfernt.

Ja, das denke ich auch *nick* Ich habe diesen Menschen anders kennengelernt, er war höflich und zuvorkommend. Nun ist er genau das Gegenteil davon- er rastet aus und ich traue mich kaum, ihn irgendwo mit hinzunehmen. Doch sollte man nicht zu diesem Menschen stehen? Erist zwar nicht mehr der gleiche Mensch, sondern genau das Gegenteil davon, aber ich habe diesen Menschen sehr geliebt und nun? Vergangenheit vergessen und ihn nun so sehen, wie er jetzt ist?

4

Montag, 10. November 2008, 14:15

Zitat

Original von the very hungry Babsi
Doch sollte man nicht zu diesem Menschen stehen? Erist zwar nicht mehr der gleiche Mensch, sondern genau das Gegenteil davon, aber ich habe diesen Menschen sehr geliebt und nun? Vergangenheit vergessen und ihn nun so sehen, wie er jetzt ist?


Das ist eben das Problem. Eigentlich kommt man sich ja schäbig vor, wenn man sich von diesem Menschen abwendet, nur, weil er sich verändert hat. Und das auch nur aufgrund der Krankheit, was also ununmgänglich war. Andererseits hat man eben den Menschen anders kennen gelernt, mochte ihn mit den "alten" Charaktereigenschaften. Wenn man keine Gemeinsamkeiten mehr feststellen kann, wenn man mit der (neuen) Art nicht mehr klar kommt, dann hat es ja keinen Sinn, daran festzuhalten, nur, um ihm nicht weh zu tun. Im Leben passiert es ja doch immer wieder, dass man mit Leuten befreundet ist, sich jeder aber in andere Richtungen entwickelt mit der Zeit und man dann plötzlich auseinander geht.

Wenn Du halt angst hast vor ihm, wird es schwierig werden, jemals wieder das Vertrauen zu ihm aufzubauen, wie es mal bestanden hat. Angst ist ein großer Faktor, der dazwischen steht ... den zu überwinden ist nicht einfach.

Viele Grüße und viel Kraft
Manuela

5

Freitag, 12. Dezember 2008, 12:19

Wenn er nur ein guter Bekannter ist, dann glaub mir ist es besser du gehst auf Distanz, so schrecklich es klingt, das wird nie mehr besser, nur mehr schlechter und es wird eine Zeit kommen da wird er dichnicht mal mehr erkennen.
Er wird verlernen zu reden, zu essen, sich zu waschen, er wird wie ein Kleinkind sein, im Körper eines Erwachsenen.

Es tut mir leid für deinen Bekannten, aber Alzheimer ist schleichend und nicht heilbar.
Aus den Steinen die ihr mir in den Weg legtet,
hab ich mir ein Schloß gebaut

6

Freitag, 12. Dezember 2008, 23:01

Nur mal so...

Eine meiner schlimmsten Vorstellungen, sollte ich irgendwann mal an Alzheimer oder anderen Erkrankungen, die mich verändern, leiden, ist die, dass sich dann plötzlich alle von mir abwenden.
Fanti-Fan

7

Freitag, 12. Dezember 2008, 23:24

ebenso schlimm finde ich zum beispiel aber auch die vorstellung, dass andere, also freunde, familie - menschen die mir nahe stehen
wegen mir leiden müssen...

ich denke, und sorry falls ich nicht mit genügend feingefühl an die sache ran gehe, dass jeder mensch anders ist -
also auch jeder eine andere empfindung dieser thematik gegenüber hat.
soll heißen, jeder sollte auch diesbezüglich, wie immer im leben,
auf sich selbst hören.
ohne zwänge, ohne werte oder verpflichtungen...
es gibt menschen, die mit so einer situation umgehen können. es gibt menschen, die es lernen können, wenn sie es wollen
und es gibt auch menschen, die auf dauer ein stück weit schaden nehmen würden unter solchen belastungen.

es erfordert viel kraft, sich immer im klaren darüber zu sein, dass der mensch der jetzt gerade schreit,
meckert oder sogar seine hand erhebt nicht der mensch ist, der er eigentlich ist...

8

Freitag, 12. Dezember 2008, 23:58

Das ist definitiv so. Problematisch ist für mich nur die Kategorisierung in "gute" Krankheiten, die man als Angehöriger aushalten kann und "schlechte" Krankheiten, bei denen man sich zurückzieht, weils einfacher ist.

Ich hatte längere Zeit viel Kontakt zu alten Menschen und damit auch zu der Problematik Demenz. Und ich habe gesehen, wie hingebungsvoll sich Männer um ihre Frauen kümmerten, obwohl diese sie nichtmal mehr erkannten. Und Frauen, die kräftemäßig ihren Männern in keinster Weise gewachsen waren und sich trotzdem der Aufgabe stellten. Von diesen Menschen habe ich viel gelernt. Unter anderem, mich selbst zurückzunehmen und mein kleines persönliches Universum nach außen zu öffnen.
Ebenso habe ich viele Demenzkranke gesehen, die einsam und verlassen vor sich hin vegetierten, immer auf der Suche nach ein bisschen Zuwendung.

Ich behaupte ja gar nicht, dass das immer leicht ist. Aber es ist auch nicht leicht, einen Krebskranken im nahen Umfeld zu haben. Hier würde doch aber auch keiner einfach so das Handtuch werfen...
Fanti-Fan

the very hungry Babsi

unregistriert

9

Samstag, 13. Dezember 2008, 11:03

Ich würde mich sowieso niemals von meinem Bekannten abwenden, da dies in meinem Umfeld überhaupt nicht möglich ist. Diese Person wohnt bei uns im Haus, lebt mit uns, da kann man sich schlecht abwenden und das möchte ich auch gar nicht nicht. Meine Frage war eigentlich nur, ob man diesen Menschen noch immer so sehr lieben kann, wie es früher einmal der Fall war. Ich werde nicht gerade sehr freundlich beschimpft und manchmal stelle ich mir dann wirklich die Frage, ob ich ihn noch liebe.
Zugegeben, vielleicht schämen wir uns auch ein wenig. Wir möchten nur sehr ungerne mit ihm irgendwo hingehen, da wir genau wissen, was er dann für ein "Theater" veranstaltet...
Trotzdem: Faust in die Tasche und durch?

10

Samstag, 13. Dezember 2008, 11:49

Die Entscheidung kann dir niemand abnehmen. Aber du wirst wissen, warum du ihn magst.
Fanti-Fan

Maja

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11

Sonntag, 14. Dezember 2008, 08:35

Liebe Babsi, ich habe viele Jahre mit an Alzheimer erkrankten Menschen gearbeitet. Viele Angehörige/gute Bekannte/ Freunde standen häufig hilflos, ratlos, traurig, wütend, erschüttert, sprachlos vor mir.
Die häufigste Ursache für diese scheinbar auswegslosen Situationen ist schlichtweg, dass man jemandem, der so etwas wie seine eigene Welt erlebt und eine ganz andere Wahrnehmung hat versucht, davon zu überzeugen, dass man selber ja viel besser weiß, was für ihn gut ist. Dadurch kommt es zu Wutattacken, den von Dir beschriebenen Beschimpfungen und viel Streit. Diese Menschen muss man abholen, wo sie sind. sie geben den Weg vor. Die andere Frage ist ( auch wenn ich sicher kein Freund von zu viel oder unnütz verteilten Medikamenten bin ), könnte man mit einer leichten Medikation vielleicht die Unruhe raus nehmen?

Die ganz große Frage, die ich mir stelle: ENTSCHEIDET man, ob man jemanden lient??? Das passiert einfach, das ist ein Gefühl, das einfach da ist. Und wenn es Dir jetzt schlecht geht, weil Du Dich falsch behandelt fühlst und Deine Emotionen ins Wanken geraten, ist das nicht das Zeichen dafür, dass Dir dieser Mensch etwas bedeutet? JETZT ist alles anders, aber genau JETZT braucht er die meiste Liebe. Also liebe und lasse Dich auf ihn ein, denn er kann sich nicht mehr auf Dich einlassen

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